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Dieser Text gewann den 2. Platz beim Egon-Erwin-Kisch-Preis 1987.
Manchmal zieht es sie übern Deich, raus aus ihrem steinernen Bett, in dem sie sich nicht winden und nicht schlängeln kann. Dann stößt sie einen Hauch aus, einen Seufzer von Duft, der die Böschung hinauf in die Gärten kriecht. Die Leute auf den Campingstühlen schneiden angewiderte Grimassen, die Kinder kichern und halten sich die Hände vors Gesicht. Ein Windstoß – und alles ist verflogen.
Nur selten geschieht es, daß der Seufzer die Nase eines Dichters erreicht, wie vor drei Jahren an einem Sommerabend in Castrop-Rauxel. Der Dichter saß am Tresen - da strich es durchs Fenster und legte sich, aufs Gemüt, eine Stimmung packte ihn zwischen Melancholie und Galgenhumor, und Rudi Grabowski schrieb ein Lied: an die „kleine Schwatte", ihr dunkles, ölglänzendes Kleid, ihre sanften Linien, ihren strengen Duft... Es wurde das erste und einzige Liebeslied, das je für einen Abwasserkanal gesungen wurde, zum 1150. Bestehen der Stadt Castrop-Rauxel.
Mir war nicht nach Lyrik zumute, als ich die Emscher zum ersten Male roch. Aber ich erinnerte mich an ein Kinderspiel. Es hieß „Immer am Bach lang", und wir hatten es in den Ferien erfunden, weit weg vom Kohlenpott auf dem Land, wo es noch richtige Wildbäche gab. Die erste Regel ist einfach: Man muß einen Wasserlauf von der Quelle an verfolgen, ohne vom Ufer abzuweichen, ohne Rücksicht auf Gestrüpp, Stacheldraht oder schimpfende Bauern. Warum nicht mal „an der Emscher lang", dachte ich. einfach der Nase nach, von einem stinkenden Abwasserrohr zum nächsten. Tatortbesichtigung per Geruchssinn, feststellen, wer die Giftsuppe einbrockt, die der Emscher Tag für Tag den Garaus macht.
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